Phänomen, Passion, Paradoxon
Der Regenbogen
Goethes letzte Obsession
25. Februar 1832. Der 82-jährige Goethe sitzt an seinem Schreibtisch in Weimar. Er quält seinen Freund Sulpiz Boisserée mit detaillierten Anweisungen für optische Experimente. „Versehen Sie sich mit verschiedenen Linsen...", schreibt er, „...so werden Sie, wenn Sie Lichtmasse hindurch und auf ein Papier fallen lassen...". Seit über vierzig Jahren verfolgt ihn der Regenbogen. Newton hatte ihn auf prismatische Farben reduziert – für Goethe ein Sakrileg. „Täppisch, hypothetisch, mathematisch, linearisch, angularisch" nannte er solche Versuche, das Phänomen zu greifen. Vier Wochen später wird er tot sein. Aber noch jetzt warnt er Boisserée: „Nun aber denken Sie nicht, daß Sie diese Angelegenheit jemals los werden. Wenn sie Ihnen das ganze Leben über zu schaffen macht, müssen Sie sich's gefallen lassen."
Goethe schillert zwischen all den Farben, die er in seinem Leben durchmessen hat. Seine Geschichte mit dem Regenbogen ist die Geschichte einer prismatischen Wandlung – wie das Phänomen selbst, das ihn verfolgt. Er sollte Recht behalten – auf eine Weise, die er selbst nicht ahnen konnte. Denn die Geschichte des Regenbogens ist die Geschichte einer bemerkenswerten symbolischen Wanderung, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Kein anderes Naturphänomen hat eine vergleichbare Karriere durch die Jahrhunderte vollzogen, hat so unterschiedliche, ja widersprüchliche Bedeutungen in sich aufgenommen und versinnbildlicht, ohne dabei seine Grundgestalt zu verlieren. Wie Goethe selbst, der vom Dichter zum Naturforscher, vom Enthusiasten zum Pedanten, vom Kämpfer zum Weisen wurde und doch immer er selbst blieb.
Das wandernde Symbol
Die Karriere des Regenbogens existiert in einer paradoxen Doppelnatur: Als physikalisches Phänomen ist er seit Newton vollständig erklärt, ein Produkt von Lichtbrechung und Dispersion in Wassertropfen, das sich mit mathematischer Präzision berechnen lässt. Und doch transzendiert er beharrlich jede Reduktion auf seine wissenschaftliche Erklärung.
Diese Resistenz gegen vollständige Rationalisierung unterscheidet den Regenbogen von anderen Naturphänomenen. Der Blitz wurde zum Elektrizitätsphänomen, der Donner zur Schallwelle, die Sonnenfinsternis zum kalendarischen Ereignis. Sie alle büßten mit ihrer wissenschaftlichen Erklärung den Großteil ihrer mythischen Kraft ein. Der Regenbogen hingegen scheint seine symbolische Potenz in der Moderne nicht nur bewahrt, sondern sogar intensiviert zu haben. Ob als Friedenssymbol, Zeichen sozialer Kämpfe oder digitale Ikone – überall taucht er auf, wandelt seine Bedeutung und bleibt doch er selbst.
Was verleiht diesem atmosphärischen Ereignis seine außergewöhnliche kulturelle Beharrlichkeit? Die Antwort liegt nicht in einer linearen Entwicklung von mythischer zu rationaler Deutung, wie es das klassische Narrativ der Moderne suggerieren würde. Stattdessen zeigt sich ein komplexes Wechselspiel von Entzauberung und Wiederverzauberung, von Bedeutungsfestlegung und Bedeutungsöffnung. Der Regenbogen bewegt sich in einem Bedeutungsspektrum, das weder völlig festgelegt noch beliebig offen ist. Die materiellen Eigenschaften des Phänomens selbst strukturieren dieses Spektrum. Seine spezifischen Qualitäten – Bogenform, Farbfolge, Flüchtigkeit, standortabhängige Erscheinung – erzeugen einen Möglichkeitsraum, der bestimmte Deutungen begünstigt, ohne sie vollständig festzulegen. Zugleich ist er universal und partikular: Überall wo Sonne und Regen zusammentreffen, kann er erscheinen. Doch jeder sieht seinen eigenen Regenbogen. Diese strukturierte Offenheit des Phänomens manifestiert sich kulturell darin, dass der Regenbogen seit den frühesten Zeiten als Zeichen der Verbindung gedeutet wurde. Um diese Dynamik zu verstehen, müssen wir zu den mythologischen Anfängen zurückkehren.
Zwischen Himmel und Erde
In allen frühen Kulturen erscheint der Regenbogen als Schwellenphänomen – als Vermittler zwischen kategorial verschiedenen Seinsbereichen. In der nordischen Überlieferung bildet die Brücke Bifröst, dargestellt als Regenbogen, den Übergang zwischen Midgard (der Menschenwelt) und Asgard (der Götterwelt). Bei den Griechen fungierte Iris, die Personifikation des Regenbogens, als Botin zwischen Göttern und Menschen.
Die australische Regenbogenschlange verbindet Himmel, Erde und Unterwelt; der Hindu-Bogen Indras markiert die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt; der japanische ama-no-uki-hashi (die schwimmende Himmelsbrücke) vermittelt zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre. Diese universelle Konvergenz ist kein Zufall. Sie entspringt der unmittelbaren Erfahrung des Regenbogens selbst: Seine bogenförmige Gestalt scheint tatsächlich Himmel und Erde zu verbinden, seine ephemere Erscheinung nach dem Regen suggeriert göttliche Intervention, seine perfekte geometrische Form und spektrale Farbfolge heben ihn aus allen anderen Wetterphänomenen heraus.
Er ist sichtbar präsent, aber physisch substanzlos, er erscheint konkret lokalisiert, entzieht sich aber bei Annäherung. Diese paradoxe materialisierte Immaterialität prädestiniert ihn zum Symbol für Übergänge und Transformationen. Kein Wunder, dass ein Geist wie Goethe, selbst ein Schwellenwesen zwischen Dichtung und Wissenschaft, von diesem Phänomen magisch angezogen wurde.
Mit der biblischen Überlieferung erfährt der Regenbogen eine folgenreiche Zuspitzung. In der Genesis (9,13-17) spricht Gott zu Noah: „Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde". Diese theologische Kodierung überlagert die ältere mythologische Symbolik, ohne sie vollständig zu ersetzen. Der Regenbogen bleibt Verbindung zwischen Himmel und Erde, erhält aber nun einen spezifisch heilsgeschichtlichen Sinn: Er wird zum Zeichen göttlicher Gnade und Versöhnung.
Die mittelalterliche Scholastik vertiefte diese theologische Deutung. Thomas von Aquin sah im Regenbogen einen Gottesbeweis: Seine perfekte geometrische Form, die präzise Anordnung der Farben, das verlässliche Erscheinen nach Regenfällen – all das war für ihn Zeugnis einer göttlichen Ordnung. Parallel dazu entwickelte sich eine mystische Tradition: Hildegard von Bingen, die visionäre Benediktinerin des 12. Jahrhunderts, sah im Regenbogen die Manifestation der viriditas – jener grünen Lebenskraft, die Gottes Schöpfung durchpulst. Für sie war er nicht nur optisches Phänomen, sondern kosmisches Lebenszeichen. Doch die scheinbare Eindeutigkeit dieser theologischen Festlegung barg bereits den Keim ihrer eigenen Umkehrung.
Das Unten und Oben
Wenn der Regenbogen Gottes Bund mit den Menschen symbolisiert – welche Menschen sind gemeint? Die Mächtigen, die sich als Stellvertreter Gottes auf Erden verstehen? Oder alle Menschen, auch die Unterdrückten? Diese Ambivalenz lag in der biblischen Erzählung selbst angelegt und wartete nur darauf, aktiviert zu werden.
Am dramatischsten zeigte sich diese Aktivierung im deutschen Bauernkrieg. Am 15. Mai 1525, auf dem Hausberg bei Frankenhausen, deutete der radikale Theologe Thomas Müntzer einen erscheinenden Regenbogen als göttliches Zeichen für die aufständischen Bauern. Nicht mit den Fürsten habe Gott seinen Bund geschlossen, sondern mit den Entrechteten. Der Regenbogen, einst Zeichen göttlicher Ordnung, wurde zum Banner der Revolution. Mit theologischer Kühnheit wendete Müntzer die biblische Exegese dialektisch: Gott würde die Erde nicht vernichten, sondern durch die Hand der Bauern erneuern.
Die Niederlage war verheerend, 5000 Tote bedeckten das Schlachtfeld. Doch die symbolische Umcodierung – dieser Akt, mit dem ein Naturphänomen zum revolutionären Zeichen wurde – sollte unterschwellig fortwirken. Im kollektiven Gedächtnis blieb die Erinnerung: Einmal hatte der Regenbogen nicht den Mächtigen, sondern den Machtlosen gehört. Die revolutionäre Kraft dieser Umdeutung lag nicht zuletzt in einer besonderen Eigenschaft des Regenbogens begründet: seiner Fähigkeit, verschiedene Maßstäbe und Ebenen zu verbinden.
Das Kleine im Großen
Als physikalisches Phänomen verbindet der Regenbogen mikroskopische Ereignisse – die Lichtbrechung in einzelnen Wassertropfen – mit der makroskopischen Erscheinung am Himmel. Jeder Regentropfen fungiert als winziges Prisma, das das weiße Sonnenlicht in seine Spektralfarben zerlegt. Millionen solcher Tropfen erzeugen gemeinsam das großräumige atmosphärische Schauspiel. Diese Verbindung verschiedener Größenordnungen ist nicht nur ein physikalisches Faktum, sondern strukturiert auch die symbolische Funktion des Regenbogens.
Auf der kulturellen Ebene vermittelt der Regenbogen zwischen individueller Wahrnehmung und kollektiver Symbolik, zwischen einmaligem Erlebnis und kulturellem Gedächtnis, zwischen lokalem Ereignis und globaler Bedeutung. Wenn ein Kind zum ersten Mal einen Regenbogen sieht, erfährt es ein intimes, persönliches Staunen – und partizipiert gleichzeitig an einer jahrtausendealten kollektiven Symbolik. Diese Gleichzeitigkeit von Intimität und Universalität macht die besondere Kraft des Regenbogens aus. Doch gerade dieses unmittelbare Staunen provozierte seit jeher den Versuch, es zu fassen: Das kindliche 'Warum?' trifft auf das gelehrte 'Wie?' – und beide suchen, auf ihre Weise, dasselbe Geheimnis zu ergründen.
Das Rätsel des gebrochenen Lichts
Die wissenschaftliche Erforschung des Regenbogens erzählt eine überraschende Geschichte – nicht von fortschreitender Entzauberung, sondern von der beharrlichen Koexistenz verschiedener Erkenntnisweisen. Bereits Aristoteles erkannte, dass der Regenbogen kein objektives Ding, sondern ein Wahrnehmungsphänomen ist, das vom Beobachterwinkel abhängt. Diese frühe Einsicht sollte sich als zukunftsweisend erweisen – doch der Weg zu einem tieferen Verständnis war lang.
Den entscheidenden Durchbruch erzielte der persische Gelehrte Al-Haytham (Alhazen) im 11. Jahrhundert. In seinem monumentalen „Buch der Optik" entwickelte er eine Theorie der Lichtbrechung, die dem modernen Verständnis bereits nahekam. Bemerkenswert ist, dass die islamische Wissenschaft dabei eine Balance bewahrte: Die präzise mathematische Analyse schloss die ästhetische Würdigung nicht aus. In der persischen Poesie jener Zeit erscheint der Regenbogen weiterhin als göttliches Wunder – wissenschaftliche Erklärung und poetische Erhöhung existierten nebeneinander.
Im mittelalterlichen Europa griff Theodoric von Freiberg diese Erkenntnisse auf. Um 1304 führte er Experimente mit wassergefüllten Glaskugeln durch und erkannte, dass jeder Regentropfen als winziges optisches System fungiert. Seine Zeichnungen zeigen erstmals korrekt den Strahlengang durch einen Tropfen. Doch für Theodoric war dies kein Akt der Entzauberung – im Gegenteil: Die Komplexität des Phänomens steigerte seine Bewunderung für die göttliche Schöpfung.
Als Isaac Newton 1666 in einem verdunkelten Raum einen Sonnenstrahl durch ein Prisma lenkte und das weiße Licht in seine Spektralfarben zerlegte, schien er das Geheimnis endgültig gelüftet zu haben. In seinem Hauptwerk „Opticks" (1704) erklärte er den Regenbogen als Resultat von Brechung und Reflexion des Sonnenlichts in Regentropfen – eine rein mechanistische Erklärung, die keinen Raum mehr für mythische oder theologische Deutungen ließ.
Die Reaktionen auf Newtons Entdeckung waren symptomatisch für die entstehende Kluft zwischen wissenschaftlicher und ästhetischer Weltdeutung. Der Regenbogen wurde zum Kristallisationspunkt eines Kulturkampfes zwischen mechanistischer Naturerklärung und ganzheitlicher Naturerfahrung.
Goethes Kampf
In diesem Kontext muss Goethes lebenslange Auseinandersetzung mit Newton verstanden werden. Seine „Farbenlehre", an der er nach eigener Aussage mehr hing als an seinem gesamten dichterischen Werk, war nicht einfach dilettantische Verirrung. Sie war der systematische Versuch, eine alternative Naturwissenschaft zu begründen, die das subjektive Erleben nicht aus-, sondern einschließt.
Der Kampf gegen Newton beginnt 1790. Der 41-jährige Goethe blickt erwartungsvoll durch ein Prisma und sieht – nichts. Keine Farben, nur eine weiße Wand. Newton musste sich geirrt haben! Erst als er auf die Grenze zwischen Hell und Dunkel blickt, erscheinen die Farben. Tatsächlich hatte er einen wichtigen Aspekt des Phänomens erfasst: Farben entstehen an Übergängen, nicht einfach durch Aufspaltung von Licht. Diese „Entdeckung" wird zur Obsession.
Ein Jahr später, am 17. Mai 1791, schreibt er euphorisch an Herzog Carl August: „Noch kann ich mit lebhafter Freude melden, daß ich seit gestern die Phänomene der Farben wie sie das Prisma, der Regenbogen, die Vergrößerungsgläser pp zeigen auf das einfachste Principium reducirt habe". Der Ton ist triumphierend – endlich hat er Newton überwunden! „Vorzüglich bin ich durch einen Widerspruch Herders dazu animirt worden der diesen Funcken herausschlug."
Es folgen zwanzig Jahre intensivster Forschung. Der Dichter, dem einst die Verse zuflogen, das Genie der Intuition, das den Werther in vier Wochen hinwarf. Der Mann, dem die Balladen wie von selbst kamen und der noch 1777, als 28-Jähriger, auf der Harzreise glaubte, „sich in einer Feenwelt zu befinden", als die winterlichen Schatten sich in Smaragdgrün verwandelten – schon damals hellsichtig für Farbphänomene, die andere nicht einmal bemerkten. Dieser selbe Goethe sitzt nun mit der Uhr in der Hand: „Auf das blendende Bild hatte ich fünf Sekunden gesehen, darauf den Schieber geschlossen; da erblickt' ich das farbige Scheinbild schwebend, und nach dreizehn Sekunden erschien es ganz purpurfarben. Nun vergingen wieder neunundzwanzig Sekunden, bis das Ganze blau erschien, und achtundvierzig, bis es mir farblos vorschwebte. Durch Schließen und Öffnen des Auges belebte ich das Bild immer wieder, so daß es sich erst nach Verlauf von sieben Minuten ganz verlor." Goethe, das Kind der Götter, zählt Sekunden wie ein Buchhalter. Er wird zum Wagner seiner eigenen Dichtung, zum pedantischen Famulus aus dem Faust, zum Protokollanten optischer Phänomene. Er wirft Newton vor, das Licht zu „foltern", es durch künstliche Versuchsanordnungen seiner natürlichen Erscheinung zu berauben – und merkt vielleicht, dass er selbst dabei ist, genau das zu tun.
Die Jahre der Arbeit zehren. Der einst so viel wusste, will nun alles wissen – jede Brechung, jeden Übergang, jede Nuance. Am 21. Dezember 1809, kurz vor der Publikation seiner Farbenlehre, klingt der nun 60-Jährige resigniert. An seinen Freund Zelter schreibt er: „Diese Wintermonate bin ich fleißig so gut es gehen will, um das Farbenwesen loszuwerden; alsdann will ich aber auch selbst dem Regenbogen den Rücken kehren, welcher durch diese boshafte Attitüde auf alle Fälle für mein Ich vernichtet wird." Die Erschöpfung ist spürbar – er will sich nicht nur von dieser Obsession befreien, die ihn nun schon zwei Jahrzehnte verfolgt, sondern auch von dem, was sie aus ihm gemacht hat: einen Sekundenzähler.
1810 erscheint endlich die 1500-seitige „Farbenlehre". Für Newton war das Licht eine objektive physikalische Realität, unabhängig vom wahrnehmenden Subjekt. Für Goethe waren Farben „Taten des Lichts, Taten und Leiden", also Phänomene, die nur in der Interaktion von Licht und Auge, Objekt und Subjekt entstehen. Der Regenbogen wurde bei ihm zum Paradigma dieser Interaktion: ein Phänomen, das ohne den spezifischen Standort des Betrachters gar nicht existiert.
Am 11. Januar 1832 schreibt der 82-Jährige an Boisserée: „Die wichtige Frage wegen des Regenbogens. Hier ist mit Worten nichts ausgerichtet, nichts mit Linien und Buchstaben; unmittelbare Anschauung ist Noth" - um dann dem Brief eine Skizze beizufügen und seitenlange Anweisungen mit Buchstabenbezeichnungen folgen zu lassen. Ein halbes Leben ist vergangen seit seiner vermeintlichen Lösung, ein Vierteljahrhundert seit er schwor, dem Phänomen „den Rücken zu kehren". Der Regenbogen bleibt das unerreichte Ziel.
Wissenschaftlich konnte sich Goethe gegen Newton nicht durchsetzen – seine Polemik beruhte teilweise auf Missverständnissen. Doch kulturell war sie höchst wirksam: Sie öffnete einen Raum, in dem der Regenbogen als ästhetisches Phänomen gegen seine wissenschaftliche Reduktion verteidigt werden konnte. Was wir heute wissen – dass Farbe tatsächlich erst in der komplexen Interaktion von Licht, Auge und Bewusstsein entsteht – kommt Goethes phänomenologischem Ansatz überraschend nahe.
Von der Mimesis zur Metaphysik
Goethes Kampf um die Würde des Phänomens fand seine Entsprechung in der bildenden Kunst. Doch die Geschichte beginnt nicht mit Gemälden, sondern mit Licht selbst.
Die gotischen Baumeister des 12. und 13. Jahrhunderts schufen eine revolutionäre Form der Regenbogen-Vergegenwärtigung: Ihre farbigen Glasfenster verwandelten Kirchen in Lichträume. Das durch die Fenster von Chartres oder Sainte-Chapelle fallende Licht zerlegte sich in spektrale Farben und schuf bewegte Lichtspiele, die sich mit dem Sonnenstand wandelten. Hier wurde verwirklicht, was Goethe später fordern würde: Das Licht selbst zur Sprache zu bringen, nicht seine Abstraktion.
Diese technische Reproduktion hatte tiefgreifende symbolische Konsequenzen. Der Regenbogen wurde von einem fernen Himmelsereignis zu einer alltäglich erfahrbaren Realität. Jeder Kirchgänger konnte nun „im Regenbogen stehen", die biblische Verheißung nicht nur glauben, sondern leiblich erfahren. Die Gotik schuf damit eine neue Form immersiver Spiritualität, die Sehen und Glauben auf revolutionäre Weise verband.
In der Malerei erscheint der Regenbogen zunächst fast ausschließlich in religiösen Kontexten, geometrisch stilisiert und ikonographisch fixiert. Die Renaissance bringt erste Versuche naturalistischer Darstellung, doch erst die Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts wagt sich an die atmosphärische Erscheinung. Die technischen Schwierigkeiten sind erheblich: Wie lässt sich mit opaken Pigmenten die Transluzenz des Regenbogens darstellen? Wie seine Flüchtigkeit in einem statischen Medium? Jeder Maler rang auf seine Weise mit der Unmöglichkeit, Licht mit Farbe darzustellen.
1810 – im selben Jahr, als Goethes Farbenlehre erschien – malte Caspar David Friedrich seine „Gebirgslandschaft mit Regenbogen". Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Hier ist der Regenbogen nicht mehr Staffage, sondern das eigentliche Sujet. Doch Friedrich malt keinen spektakulären Farbbogen. Sein Regenbogen ist fast farblos, von weitem grau-weiß, erst aus der Nähe zeigen sich zarte Farben. Es ist, als habe Friedrich Goethes Kampf verstanden: Es geht nicht um die prismatischen Farben, sondern um die Anschauung selbst. Ein einsamer Wanderer blickt auf diesen bleichen Bogen. Die Komposition macht den Betrachter zum Betrachter eines Betrachters. Sie thematisiert den Akt des Sehens – genau das, worum es Goethe ging: die Anschauung als Erkenntnisweg.
William Turner wählte den entgegengesetzten Weg. Wo Friedrich die Farbe zurücknahm, ließ Turner sie explodieren. In seinen späten Bildern löst sich die Form vollständig in Licht und Farbe auf. 1843, elf Jahre nach Goethes Tod, malte er den biblischen Moment, in dem der Regenbogen erstmals erschien: die Sintflut. Seine Bilder „Shade and Darkness – the Evening of the Deluge" und „Light and Colour – the Morning after the Deluge" zeigen die Katastrophe und ihre Auflösung. Dem zweiten Bild – jenem Morgen, an dem Noah den ersten Regenbogen sah – fügte er explizit den Hinweis „Goethe's Theory" bei. Turner begriff, was die Wissenschaft ignorierte: dass Goethes Farbenlehre keine physikalische, sondern eine malerische Wahrheit enthielt. Der vermeintlich gescheiterte Naturphilosoph triumphiert posthum in Turners Farbexplosionen.
Diese Bewegung zur Abstraktion, die Turner einleitete, setzte sich durch die Moderne fort und erreicht in der Gegenwart neue Dimensionen. Was Turner mit Pigmenten auf Leinwand versuchte – das Licht selbst einzufangen –, verfolgen heutige Künstler mit Licht als direktem Material. Ihre Arbeiten machen paradoxerweise das „Wesen" des Regenbogens sichtbar: seine Immaterialität, seine Grenzexistenz zwischen Sein und Schein. Olafur Eliasson kreiert begehbare Regenbogeninstallationen – wie eine Rückkehr zur Gotik mit modernen Mitteln. James Turrell arbeitet mit prismatischen Effekten, die Regenbogenerscheinungen im Auge des Betrachters erzeugen. Diese Arbeiten thematisieren nicht mehr die Darstellung des Regenbogens, sondern seine Herstellung. Sie verwirklichen, was Goethe forderte: die Einheit von Betrachter und Phänomen. Doch die Sehnsucht, das flüchtige Phänomen festzuhalten, reicht weiter zurück.
Von der Manifestation zum Medium
Die künstlerischen Transformationen fanden ihre Parallele in der technischen Reproduzierbarkeit des Regenbogens. 1884 markierte einen Wendepunkt: Zum ersten Mal gelang es dem deutschen Fotografen Hermann Wilhelm Vogel, einen Regenbogen zu fotografieren. Das ephemere Phänomen wurde auf einer Glasplatte festgehalten – was bisher nur im Moment seiner Erscheinung existiert hatte, konnte nun konserviert, reproduziert, verschickt werden. Die Fotografie löste den Regenbogen aus seinem atmosphärischen Kontext und machte ihn zu einem transportablen Bild.
Die nächste Revolution kam mit dem Technicolor-Verfahren Hollywoods, das den Farbfilm in die Kinos brachte. „Somewhere Over the Rainbow", der legendäre Song aus „Der Zauberer von Oz" (1939), machte den Regenbogen zur Kinometapher par excellence. Der Übergang von der sepia-braunen Kansas-Realität zur farbenfrohen Oz-Welt mit ihrer Smaragdstadt wurde durch den Regenbogen vermittelt – er wurde zum Symbol für die Magie des Kinos selbst, für die Fähigkeit der Medien, uns in andere Welten zu versetzen. Doch der Zauber blieb nicht auf die Leinwand beschränkt. Im 20. Jahrhundert sollte der Regenbogen selbst zum magischen Zeichen in der Realität werden.
Mythische Moderne
Diese mediale Verfügbarkeit des Regenbogens verweist auf ein bemerkenswertes Phänomen in seiner Kulturgeschichte: die „chronologischen Inversionen" – Momente, in denen scheinbar überwundene Bedeutungsschichten reaktiviert werden und neue Relevanz erhalten. Die Geschichte des Regenbogensymbols zeigt keine lineare Entwicklung, sondern eine komplexe Schichtung. Ältere Bedeutungen werden nicht einfach durch neuere ersetzt, sondern überlagert, modifiziert, rekontextualisiert. Die mythische Götterbrücke verschwindet nicht mit der biblischen Deutung, das biblische Bundeszeichen nicht mit Newtons Prisma, Newtons Erklärung nicht mit Goethes Farbenlehre. Alle diese Schichten bleiben aktiv und können jederzeit reaktiviert werden.
Die wissenschaftliche Erklärung des Regenbogens sollte eigentlich seine mythischen und magischen Deutungen obsolet machen. Doch das Gegenteil geschah: Je präziser die physikalische Erklärung wurde, desto stärker wurde das Bedürfnis nach Remythologisierung.
Die New-Age-Bewegung des späten 20. Jahrhunderts ist dafür paradigmatisch. Hier wird der Regenbogen zum Chakra-Symbol, zur „Regenbogenbrücke" für verstorbene Haustiere, zum Zeichen kosmischer Harmonie. In dieser Wiederbelebung archaischer Symbolik mischen sich Regression und Reflexion, Sehnsucht und Strategie. Sie aktiviert verschüttete Bedeutungsschichten und rekontextualisiert sie unter modernen Bedingungen.
1961 entwarf der italienische Philosoph Aldo Capitini für den ersten Friedensmarsch eine Regenbogenfahne mit der Aufschrift „PACE" – der biblische Friedensbogen nach der Sintflut wurde zum Banner gegen die atomare Bedrohung. Die Wahl war nicht zufällig: Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs suchte man nach einem Symbol, das sowohl Versöhnung als auch Neuanfang versprach.
Noch folgenreicher war die Entstehung der Regenbogenfahne als Symbol sexueller Diversität. 1978 schuf Gilbert Baker in San Francisco eine Fahne, die rasch globale Bedeutung erlangte. Baker ordnete jeder Farbe eine spezifische Bedeutung zu – ein Vorgehen, das an Goethes „sinnlich-sittliche Wirkung der Farben" erinnert. Beide waren überzeugt, dass Farben charakterliche Qualitäten besitzen. Doch während Goethe nach universellen Gesetzen suchte, schuf Baker einen neuen Partikularismus: Seine Regenbogenfahne zeigt eine idealisierte Farbfolge, die den echten Regenbogen mit seinen Brüchen und Absorptionslinien glättet – ein Symbol perfekter Harmonie, das die Komplexität des natürlichen Phänomens übergeht.
Die Pride-Bewegung schuf ihre eigene Mythologie – mit sakralisierten Symbolen, ritualisierten Feiern und spezifischen Orthodoxien. „Vielfalt" wurde so selbst zur Einheitsformel und der Regenbogen, einst Symbol der Grenzüberschreitung, markiert nun neue Grenzen. Diese paradoxe Logik des Ein- und Ausschlusses durchzieht alle seine Erscheinungsformen.
Von Nah und Fern
In der digitalen Ära erreicht diese Ambivalenz eine neue Dimension. Der Regenbogen scheint uns heute näher denn je – als ubiquitäres Zeichen in der medialen Sphäre, jederzeit abrufbar, beliebig reproduzierbar. Gleichzeitig war er als unmittelbare Naturerfahrung nie ferner, oft verdrängt durch seine permanente mediale Präsenz.
Diese Dialektik von Nähe und Ferne strukturiert seine gegenwärtige Existenz. In seiner digitalen Form ist er vollständig verfügbar – ein Zeichen unter Zeichen, das sich beliebig kombinieren und instrumentalisieren lässt. Als atmosphärisches Phänomen bleibt er unverfügbar, erscheint nach eigenem Gesetz, entzieht sich bei Annäherung. Es ist, als hätte Newtons Abstraktion endgültig triumphiert – der Regenbogen als Code statt als Ereignis.
Doch gerade diese mediale Allgegenwart erzeugt ihre eigene Umkehrung: Je verfügbarer das Zeichen, desto kostbarer wird das Ereignis. Die Begegnung mit dem atmosphärischen Regenbogen – unerwartet nach einem Gewitter, flüchtig und unwiederholbar – lässt seine ursprüngliche Magie neu aufleuchten und wird in einer Welt digitaler Dauerpräsenz zum Gegengift gegen seine eigene Abstraktion.
Diese Sehnsucht nach dem Unmittelbaren und Unerreichbaren durchzieht auch die fortlebenden mythischen Deutungen. Die irische Legende vom Goldtopf am Ende des Regenbogens ist dafür paradigmatisch.
Die Struktur dieses Mythos offenbart eine tiefere symbolische Wahrheit. Der Schatz existiert, ist aber prinzipiell unerreichbar. Der Regenbogen verspricht Reichtum, entzieht ihn aber systematisch. Diese Figur der „strukturellen Unerreichbarkeit" macht den Mythos psychologisch so wirksam: Er hält die Spannung zwischen Wunsch und Erfüllung permanent aufrecht. Der Goldtopf existiert nicht trotz, sondern wegen seiner Unerreichbarkeit. Wie die jugendliche Klarheit, mit der man glaubt, ein Phänomen verstanden zu haben – bis man sich ihm wirklich nähert.
Ähnlich funktioniert der Regenbogen als Seelenbrücke. In vielen Kulturen verbindet er die Welt der Lebenden mit dem Jenseits. Er macht das fundamental Abwesende präsent, ohne es seiner Abwesenheit zu berauben. Diese paradoxe Qualität – sichtbar aber nicht greifbar, nah aber unerreichbar – prädestiniert den Regenbogen zum Symbol für alle Arten von Übergängen und Schwellenerfahrungen. Die Verstorbenen bleiben in derselben unerreichbaren Distanz wie der Regenbogen selbst: Der Bogen verspricht eine Verbindung, die die Trennung nicht aufhebt. Auch für den letzten Übergang, wie ein alter Mann in Weimar bald erfahren sollte.
Metamorphosen ohne Ende
Fünf Tage vor seinem Tod schreibt Goethe seinen letzten Brief. An Wilhelm von Humboldt, über den Faust. „Es sind über sechzig Jahre, daß die Conception des Faust bey mir jugendlich von vorne herein klar, die ganze Reihenfolge hin weniger ausführlich vorlag." Die jugendliche Klarheit – wie beim Regenbogen, dessen Geheimnis er 1791 in einem Nachmittag gelöst zu haben glaubte. Sechzig Jahre Faust, vierzig Jahre Regenbogen. Den Faust – mit einer Regenbogenszene am Anfang des zweiten Teils – hat er trotz aller Schwierigkeiten vollendet. Den Regenbogen nie.
„Hier trat nun freylich die große Schwierigkeit ein, dasjenige durch Vorsatz und Charakter zu erreichen, was eigentlich der freywillig thätigen Natur allein zukommen sollte." Das war es: Man kann weder den Faust noch den Regenbogen durch Willen erzwingen. Doch während sich der Faust schließlich fügte, entzog sich der Regenbogen bis zuletzt. Dieses lebenslange Ringen mit dem sich Entziehenden hatte Goethe bereits drei Wochen zuvor, am 25. Februar, reflektiert: „Hiedurch bin ich für mich an die Grenze gelangt" schrieb er, „dergestalt daß ich da anfange zu glauben, wo andere verzweifeln." Der Regenbogen hatte ihn an diese Grenze geführt – an die Grenze zwischen Wissen und Glauben, zwischen Analyse und Anschauung. „So wird man aus dem Ganzen ins Einzelne und aus dem Einzelnen ins Ganze getrieben, man mag wollen oder nicht."
In demselben Brief fasste er sein Credo zum Thema zusammen: „Ich kehre zu meinem Anfang zurück" und unterschrieb: „unwandelbar J. W. v. Goethe." Diese Synthese von Beharrlichkeit und Bewegung, von Treue und Transformation, war seine letzte Weisheit über den Regenbogen – und vielleicht über das Leben selbst.
Am 22. März 1832 stirbt Goethe in seinem grünen Sessel. Seine letzten Worte: „Mehr Licht!" Nach einem Leben der Lichtforschung, nach all den gezählten Sekunden, den Glaskugeln, den Experimenten – am Ende nur dieser Ruf nach mehr. Als hätte er nach all den Jahren immer noch nicht genug gesehen, immer noch nicht verstanden. „Mehr Licht!" – der letzte Seufzer eines Mannes, der das Licht zu fassen suchte und vielleicht die letzte Bitte um mehr von diesem Phänomen, das ihn ein Leben lang gequält und beglückt hat.
Der Regenbogen hatte gesiegt. Nicht durch Verweigerung, sondern durch Verheißung. Ein Leben lang hatte er Goethe dorthin geführt, wo die wissenschaftliche Erklärung in Staunen übergeht, wo das optische Phänomen zum Sinnbild des Unbegreiflichen wird. Goethe wusste: Man wird diese Angelegenheit niemals los. Aber warum sollte man auch? In seinen schillernden Farben spiegelt sich die ganze Paradoxie des menschlichen Suchens – unwandelbar in seiner Wandlung, ewig zurückkehrend, niemals ankommend und gerade darin vollkommen.