MARCEL COTTA ESSAYS
Essays
2025

Marionettentheater Twitch

Über die vollkommene Hingabe

Acht Stunden täglich sitzt er vor der Kamera. Energy-Drink-Dosen türmen sich neben seinem Gaming-Stuhl, während er mit überdrehter Stimme sein Publikum begrüßt. „Was geht ab, Chat?" Das grelle LED-Licht seiner RGB-Tastatur spiegelt sich in müden Augen, die das Vorschaufenster mustern. Er ist wieder live, auf Twitch, wie jeden Tag. „Danke für den Prime-Sub, tobi_03, willkommen in der family!"

Man könnte jetzt über digitalen Narzissmus schreiben, über die Kultur des Spektakels, über den Verlust der Authentizität im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit, über das Getriebe der Aufmerksamkeitsökonomie.

Oder man könnte Heinrich von Kleists „Über das Marionettentheater" lesen – jenen Text, in dem ein kultivierter älterer Herr zum Erstaunen seines Gesprächspartners bekennt, dass er regelmäßig ein Puppentheater besucht. Was den Gebildeten des frühen 19. Jahrhunderts als Pöbelvergnügen galt, offenbart sich dem Blick des präzisen Beobachters als Schauplatz einer höheren Form von Grazie.

Die Anmut der Marionette, so erklärt Kleist, entspringt einem einfachen Prinzip: Sie ist dem Menschen gerade deshalb überlegen, weil sie kein Denken kennt, das ihre Reinheit trüben könnte. Sie existiert nur in der vollendeten Übereinstimmung mit den Kräften, die sie lenken. Ihre Bewegungen folgen allein der reinen Mechanik. Der Streamer verwirklicht diese Vollkommenheit: Er folgt der gleichen Mechanik, als wäre sein Körper nichts als ein System von Pendeln, die „ohne irgend ein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst" schwingen.

Die Perfektion dieser Bewegung hat ihr Zentrum dort, wo Kleist den Schwerpunkt der Marionette verortet: in jenem einen Punkt, von dem aus sich alles organisiert. Hier sammelt sich die treibende Kraft, hier entscheidet sich die Richtung jeder Regung. Der Streamer hat diesen Punkt gefunden und sich ihm vollständig überantwortet. Von hier aus entfaltet sich die reine Geometrie seiner Bewegung in einfachen Linien, aus denen sich wie von selbst vollkommene Kurven ergeben.

Wie die Marionette ihre Anmut durch die reine Übereinstimmung mit den sie bewegenden Kräften erreicht, so findet er seine höchste Ausdruckskraft in der perfekten Resonanz mit dem Rhythmus der Zuwendungen. Der freudige Gruß, die warmherzige Danksagung, der spontane Jubel – alles fügt sich in einen natürlichen Fluss. Kein anderer Antrieb stört diese Reinheit, keine Willkür trübt die mathematische Klarheit der Abläufe – jede seiner Regungen wird zum reinen Ausdruck der Mechanik.

Von der „Trägheit der Materie" weiß er nichts mehr: Das Momentum seiner vollkommenen Hingabe ist größer als jenes, das andere an die Erde bindet. „Antigrav" schwebt er in seiner Sphäre der reinen Bewegung, wo kein Zweifel seine Darbietung stört. In seinem Gebärden ist keine Spur von Zier, denn „Ziererei" erscheint nur dort, „wo sich die treibende Kraft in irgend einem andern Punkte befindet, als im Schwerpunkt". Seine Grazie ist vielleicht gerade deshalb so vollkommen, weil sie frei ist von jeder Manier.

So verwirklicht sich, was Kleist nur in den Extremen findet: die Anmut des „Gliedermanns" oder des „Gottes". Jenem Wesen, das „entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein" hat.

Es sei denn natürlich, Kleist hätte sein „Marionettentheater" als subtile Satire angelegt, als philosophischen Scherz über die Selbstüberhebung ästhetischer Theoriebildung. Dann säßen wir einem ähnlichen Irrtum auf wie jene Interpreten, die im Zustand der Streamer eine neue Form der Grazie zu erkennen glauben. Schließlich war auch das Marionettentheater ursprünglich nichts als eine „für den Haufen erfundene Spielart einer schönen Kunst". Doch vielleicht liegt gerade in dieser Verwandtschaft die tiefere Wahrheit: Wie Kleists Protagonist in der volkstümlichen Unterhaltung eine höhere Form der Anmut entdeckte, so enthüllt sich möglicherweise im Streaming eine neue Grammatik der Präsenz. Die Unentscheidbarkeit zwischen Ernst und Spiel, zwischen Marionettenspieler und Marionette wird dabei selbst zum Signum einer digitalen Existenz, die ihre Wahrheit dort findet, wo sie ihre eigene Künstlichkeit umarmt.