MARCEL COTTA ESSAYS
Essays
Lettre International 147, 2024

Abgöttische Algorithmen

Von Propheten und Profiten

„Kunden, die die Summa Theologica kauften, interessierten sich auch für …" – ein Satz, der Thomas von Aquin in Staunen versetzt hätte. Im digitalen Dom Amazons, wo die Seraphim des Shopping über den volatilen Produktkatalog wachen, wird sein Opus Magnum der Ergründung des Heiligen zu bloßer Ware degradiert, platziert zwischen Bio-Bratpfannen und Bambusbesteck. Die lieblose Logik der Heilsversprechen der Datenzeit macht selbst vor den Höhen scholastischer Theologie nicht halt.

Doch hier offenbart sich eine überraschende Verwandtschaft: Der Algorithmus gebärdet sich als unwissender Thomist. Wie Thomas von Aquin in seiner Lehre der analogia entis mittels Vergleich das Göttliche in allem Geschaffenen zu erkennen suchte – in der Ordnung der Natur wie in der Hierarchie der Engel – so durchforscht der Algorithmus unsere Spuren im Datenstrom nach verborgenen Mustern. Was der mittelalterliche Denker als Weg zur Gotteserkenntnis schuf, mutiert zum Werkzeug der Umsatzmaximierung: Die Suche nach Ähnlichkeiten im Sein wird zur Suche nach Ähnlichkeiten im Konsum.

Diese neue Analogielehre zeitigt geradezu blasphemische Blüten: Wer Platons Höhlengleichnis in den Warenkorb legt, wird prompt zu Achtsamkeits-Apps weitergeleitet – als wären die Algorithmen die Weisheitslehrer einer digitalen Erlösung. Wer sich für mittelalterliche Mystik interessiert, bekommt künstliche Kerzen vorgeschlagen, als könnte der digitale Devotionalienhandel die Seele erleuchten. Und wer die Confessiones des Augustinus studiert, dem empfiehlt der zum selbsternannten Seelenführer aufgestiegene Algorithmus – in völliger Verkennung theologischer Tiefen – ein Programm zur Selbstvervollkommnung.

Somit ist es kein Zufall, dass ausgerechnet im Silicon Valley, der Hochburg der Heilstechnologie, die scholastische Logik ihre ungeahnte Wiederkehr feiert. Dort, wo Start-up-Kultur auf Tech-Evangelismus trifft, wo digitale Imperien und künstliche Intelligenz ihren unheiligen Pakt schließen, entsteht eine neue Form der Gottsuche – nur dass die Offenbarung nicht mehr aus heiligen Schriften, sondern aus heiligeren Algorithmen zuteil wird.

In seiner grenzenlosen Kombinationsfreude kennt dieser neue Klerus des Digitalen keine Zurückhaltung. Wo Thomas von Aquin noch demütig die fundamentale Unähnlichkeit zwischen Schöpfer und Geschöpf betonte, schlägt der zum Hohepriester erhobene Algorithmus unbekümmert Brücken zwischen den entlegensten Produktkategorien und Nutzergruppen. Er ist ein Thomas im Geschwindigkeitsrausch, der in seinem Analogie-Eifer die Grenze zwischen Profanem und Heiligem niederreißt.

I. Silicon Scholastik

Schlagen wir also das elektronische Brevier auf und betrachten die Riten dieser neuen Religion genauer: Nehmen wir den „Kunden, die auch kauften..."-Mechanismus. Er basiert auf der Annahme, dass Nutzer mit vergleichbarem Geschmacksprofil gemeinsame Interessen teilen – mithin eine proportionale Teilhabe an der Heilsgemeinschaft. Was Aquin als reflexio in rebus creatis kannte, eine Erkenntnis durch die Betrachtung der göttlichen Schöpfung, wird hier zur reflexio in rebus consumptis – zur Offenbarung durch die Betrachtung der profanen Kaufentscheidungen.

Anstatt sich auf die ratio naturalis zu stützen, greift der Algorithmus auf das neue Evangelium unserer Zeit zurück: Big Data, die unendliche Sammlung unserer binären Spuren. In diesem allumfassenden Datenschatz ruhen die Geheimnisse unserer Gewohnheiten, unsere Sehnsüchte und Ängste, kurz gesagt: das Seelenleben der vernetzten Gemeinde. Wie ein elektronischer Exeget durchsucht der Algorithmus diese säkularen Schriften, deutet die Zeichen und verkündet seine Auslegung unserer Begierden.

Die Analogie zum scholastischen Denken wird noch deutlicher, wenn man die göttliche Logik dieser digitalen Prophezeiungen betrachtet: Das Ähnliche strebt zum Ähnlichen, so wie einst die himmlische Hierarchie ihre Ordnung fand. Im Datenfirmament werden Verbindungen geknüpft nach Mustern, die nur der Algorithmus in seiner wahrscheinlichen Weisheit zu erschauen vermag.

Wie Thomas seine Summa in Quaestiones gliederte, so organisiert die künstliche Vernunft ihre Erkenntnisse in Datenhierarchien. Und wie in der Heiligen Messe aus Brot und Wein Leib und Blut werden, so verwandelt der Algorithmus – dieser zauberhafte Zelebrant – unsere flüchtigen Klicks und Scrollbewegungen in vermeintlich tiefe Einsichten über unsere Bedürfnisse. Eine digitale Transsubstantiation: Die Flut der Nutzerdaten wandelt sich in die Offenbarung unserer Konsumwünsche. Dieses Mysterium vollzieht sich unablässig in Rechenzentren, jenen verborgenen Monasterien unserer Zeit.

Von der göttlichen Vorsehung zur Vorhersage-Technologie ist es nur ein winziger Schritt. Während der gläubige Thomas über die Prädestination sinnierte, arbeiten die Algorithmen an ihrer säkularen Version. Die Heilsgewissheit ist der Kaufwahrscheinlichkeit von 66,6 Prozent gewichen. Was einst göttliche Vorherbestimmung war, ist nun die Prophezeiung unserer nächsten Bestellung.

II. Die digitalen Sakramente

Der Weg in die Kongregation beginnt mit der Cookie-Akzeptanz als erster Weihe – erst durch sie werden wir aufgenommen in die Gemeinschaft der Tracked und Traced. Das automatische Software-Update erscheint als Kommunion, bei der wir die neueste Version des binären Heilands empfangen.

Wieder und wieder muss jeder Gläubige seine Menschlichkeit unter Beweis stellen. Jedes CAPTCHA wird zum Glaubensbekenntnis – „Hier stehe ich und kann nicht anders!"

Die Zwei-Faktor-Authentifizierung manifestiert sich als neue Firmung, durch die wir uns als vermeintlich Mündige zu erkennen geben. Im Kundensupport vollzieht sich die Beichte, wo wir unsere Verfehlungen bei gescheiterten Transaktionen bekennen müssen – natürlich erst nach geduldiger Warteschleife, der zeitgemäßen Form der Kontemplation. Und das Passwort-Update wird zum ausweglosen Akt der Buße, während die Account-Verifizierung uns in die Würde des Priestertums erhebt.

Besondere Bedeutung kommt dem Cloud-Backup zu, der letzten Ölung unserer Daten. Es verspricht die digitale Unsterblichkeit: Selbst wenn unser Gerät den Geist aufgibt, schweben unsere Dateien in der Cloud weiter. Die höchste Weihe aber ist das Einrichten des Auto-Payments: Ein mystischer Bund, welcher Kreditkarte und Account vereint – das soll der Mensch nicht trennen.

III. Neue Götter, neue Offenbarungen

Doch die Heilsgeschichte geht weiter: Netflix zelebriert seine Offenbarungen in Serienform. Was einst die Evangelien in Kapiteln verkündeten, wird nun in Staffeln offenbart, bei der jede Episode eine Predigt, jeder Cliffhanger eine Prüfung des Glaubens wird. Wie Thomas durch die Analogie vom Sichtbaren zum Unsichtbaren aufstieg, so leitet der Algorithmus von Gesehenem zu noch Ungesehenem – die Erleuchtung wartet nicht mehr in der göttlichen Wahrheit, sondern in den perfekt personalisierten Empfehlungen.

„Weiter schauen" erscheint wie ein Stundenbuch, das mahnend unsere betrachtende Devotion begleitet. Der Algorithmus wird zum geistlichen Gefährten, der uns durch die endlose Fülle geleitet, stets neue Folgen zur Erhebung der Seele empfiehlt. In den „Writers' Rooms" entstehen die modernen Apokryphen: Spin-offs und Prequels, die den Kanon erweitern, während hoch droben die Cherubim des Konsums thronen und den Katalog dirigieren. Sie dulden keinen Zweifel an ihrer Empfehlungsweisheit – der ungläubige Thomas, das ist schließlich der andere.

Die Wandlung von Schrift zu Liturgie vollzieht sich in Spotify, wo die alte Kunst des Rituals zur maschinellen Musiktheologie transfiguriert wird. „Discover Weekly" offenbart sich jeden Montag als Hochamt – die Playlist als Messordnung, kuratiert nicht mehr von Priestern, sondern von Algorithmen. Die gregorianischen Gesänge weichen den sibyllinischen Playlists, als kalkulatorischer Kantor gibt der Algorithmus nun den Rhythmus des Musikrituals vor. „Dein Mix der Woche" gerät zum Liturgieplan, während die Premium-Funktion die Erwählten von den Unerlösten scheidet. Ganz nach dem Motto des technisierten Tetzels: „Wenn das PayPal-Konto klingt, die Werbung aus dem Stream rausspringt" – eine Reformation des Musikhörens, bei der nicht nur jeder sein eigener Ablasshändler ist, sondern der Algorithmus die Musik auch unvermittelt zu den Gläubigen bringt, ohne Umweg über die Playlist-Bullen der überkommenen Radiosender.

Während Spotify die äußere Form des Rituals bewahrt, öffnet TikTok die Pforten zur Mystik. Sein „For You"-Feed ist ein unendlicher Strom von Epiphanien, jeder Scroll eine Station auf dem Weg zur Ekstase. Statt ora et labora heißt es hier „scroll and like" – eine niemals enden wollende Meditation über die Vergänglichkeit des Augenblicks, geheiligt durch komische Katzen und lauwarme Lifestyle-Hacks.

In diesem Strom der Verzückung verschmelzen Unterhaltung und Erleuchtung: An die Stelle der himmlischen Hierarchie tritt die Rangordnung der Viralität. Der Aufstieg in diesem Läuterungsberg wird durch Views und Shares erkauft – je mehr Interaktionen, desto näher die unio mystica zum Zeitgeist. Selbst der trivialste Moment kann durch die Gnade des Algorithmus zur ekstatischen Offenbarung werden: jeder Like ein Schritt in Richtung viraler Transzendenz.

IV. Epilog

Vom Sein zum Schein, von der Kontemplation zur Konsumption – in dieser neuen Ordnung des Seins, wo abgöttische Algorithmen die Mystik in viraler Ekstase aufgehen lassen, Liturgie zu Unterhaltung verflacht und die Offenbarung im Konsum verkommt, vollzieht sich eine makabere Metamorphose: Die kunstvolle analogia entis hat sich in eine analogia emptis verwandelt, das göttliche Sein ist dem sakralisierten Shopping gewichen. Statt durch Ähnlichkeiten im Geschaffenen Gott zu erkennen, erkennen die zu Propheten erhobenen Algorithmen durch Ähnlichkeiten im Kaufverhalten unsere nächste Bestellung. Die große Suche nach dem Sein schrumpft zur Jagd nach dem nächsten gesegneten Schnäppchen. Die Verheißung der Next-Day-Delivery ersetzt das Versprechen der Erlösung, One-Click-Payment inklusive. In dieser Transformation von der Metaphysik zum konsekrierten Kaufen liegt die eigentliche Ironie: Je präziser die Algorithmen unsere Wünsche vorhersagen, desto mehr entfernen wir uns von der Frage nach dem Sein. Doch in ihrer vermeintlichen Unfehlbarkeit liegt auch ihre größte Täuschung: „Da Petrus und Paulus an Jesus glauben, tut das auch Judas." Oder?!